Informationen über Essstörungen

Bis wohin spricht man "nur" von gestörtem Essverhalten und wo beginnt eine Essstörung im eigentlichen Sinne? Und was versteht man überhaupt unter den Begriffen Binge Eating, Bulimie, Anorexie und Orthorexie?

Binge Eating Störung (BES)

"To binge" kommt aus dem Amerikanischen und wird dort im Zusammenhang mit exzessivem Trinken verwendet. "Binge Eating" könnte man demnach also mit "sich mit Essen zu besaufen" übersetzen. Umgangssprachlich wird die Binge-Eating-Störung auch als Esssucht oder Fresssucht bezeichnet.

 

Betroffene einer Binge-Eating-Störung (BES oder engl. BED = Binge Eating Disorder) werden regelmässig von unkontrollierten Essanfällen heimgesucht. Die Menge an Essen, die eine Person während einer Essattacke zu sich nimmt, kann sehr unterschiedlich sein. Die Essanfälle finden überwiegend alleine bzw. im Versteckten statt. Dabei wird meist schneller gegessen als sonst und üblicherweise erst mit dem Essen aufgehört, wenn ein überaus unangenehmes Völlegefühl oder Übelkeit eingetreten ist. Nach dem Essen empfinden Betroffene aufgrund des erlebten Kontrollverlusts grosse Scham-, Ekel- und Schuldgefühle und häufig auch Traurigkeit. Im Gegensatz zur Bulimie unternehmen Betroffene der Binge-Eating-Störung keine gegenregulierende Massnahmen wie z.B. Erbrechen oder Abführmittel. Dies führt dazu, dass die meisten Betroffenen Übergewicht (BMI > 25) oder eine Adipositas (BMI > 30) entwickeln. Auslöser für die unkontrollierten Essattacken sind meist unangenehme Stimmungen, innere Anspannung, zwischenmenschliche Differenzen, der Reiz attraktiver oder "verbotener" Nahrungsmittel oder auch der Hunger nach einer Phase kontrollierten Essens. Anders als bei der Bulimie und der Anorexie sind von der Binge-Eating-Störung häufig auch Männer betroffen und zwar ungefähr 35% der Erkrankten

Folgeerscheinungen von Binge-Eating

Im Laufe der Erkrankung entwickeln viele Betroffene depressive Verstimmungen und Angststörungen. Was das Essverhalten betrifft, verlieren viele Betroffene ihr normales Völlegefühl. Als Folge der Essattacken kann es zu akuter Magendilatation (=Magenerweiterung) mit der Gefahr einer Magenruptur (Zerreissung der Magenwand) kommen. Das durch die Erkrankung entstehende Übergewicht erhöht zudem das Risiko einer metabolisch assoziierten Erkrankung wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus ("Zuckerkrankheit"), Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparats, Schlaf-Apnoe-Syndrom (kurze Atemaussetzer im Schlaf) und Krebs. 

Bulimie

Die Bulimie (Bulimia nervosa) wird umgangssprachlich als Ess-Brech-Sucht bezeichnet. Betroffene einer Bulimie beschäftigen sich permanent mit dem Thema Essen, der eigenen Figur und empfinden eine unkontrollierbare Gier nach bestimmten Nahrungsmitteln (meist stark zucker- und fetthaltige Lebensmittel). Die Betroffenen werden regelmässig von unkontrollierten Essanfällen heimgesucht, wobei sie in kurzer Zeit übermässig grosse Nahrungsmengen zu sich nehmen. Um eine Gewichtszunahme durch die Essanfälle zu kompensieren, werden gegenregulierende Massnahmen eingesetzt, wie z.B. selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden, Einnahme von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparate oder Diuretika. Betroffene haben starke Angst zuzunehmen und "dick" zu werden. Häufig gehen einer Bulimie stark kalorienreduzierte Diäten, Hungerkuren o.Ä. voraus. 

 

Bei der Bulimie wird zudem noch zwischen dem "purging-type" (purging = Erbrechen, Abführen, Reinigen, Eliminieren) und dem "non purging-type" (Exzessiver Sport und Fasten als Gegenmassnahme zu den Essattacken) unterschieden.

Folgeerscheinungen der Bulimie

Das häufige Erbrechen führt zu erheblichen und dauerhaften Schäden des Zahnschmelzes und zu Kariesbildung. Der ständige Wechsel von Essen und Erbrechen kann zu Schwankungen des Flüssigkeits- und Elektrolyhaushaltes mit Nierenschädigungen, Herzrhythmusstörungen und Ödemen führen. Typische Folgen sind darüber hinaus eine Überdehnung des Magens, Entzündungen von Magen und Speiseröhre, chronische Verstopfung sowie Vitamin- und Nährstoffmangelerscheinungen.

Anorexie

Die Anorexie (Anorexia nervosa) bzw. auch Magersucht genannt, ist charakterisiert durch deutliches Untergewicht mit einem BMI unter oder gleich 17.5 verbunden mit der ausgeprägten Angst vor einer Gewichtszunahme. Betroffene führen den Gewichtsverlust selbst herbei, indem sie kaum Essen zu sich nehmen und/oder gegenregulierende Massnahmen einsetzen wie übermässige körperliche Aktivität oder das Einnehmen von Abführmitteln, Appetitzüglern und entwässernden Medikamenten. Die eigene Körperwahrnehmung ist stark verzerrt, so dass sich Betroffene hinsichtlich ihres Körpergewichts und -umfangs nicht mehr realistisch einschätzen können. Der Selbstwert ist stark abhängig vom eigenen Körperbild. Zusätzlich können emotionale Störungen, depressive Verstimmungen, essstörungsspezifische Ängste und Gefühlsarmut auftreten. 

Folgeerscheinungen der Anorexie

Durch die Mangelernährung kann es zu Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Verdauungsstörungen oder Blutarmut und eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte kommen. Hormonelle Veränderungen können zu vorzeitiger Osteoporose (Knochenschwund) mit dem Risiko spontaner Knochenbrüche, zum Ausbleiben der Menstruation und ungewollter Kinderlosigkeit bei Frauen oder zu Libido- und Potenzverlust bei Männern führen. Ein sehr früher Krankheitsbeginn kann die pubertäre Entwicklung negativ beeinflussen (Wachstumsstopp, fehlende Brustentwicklung etc.). 

Orthorexie

Die Orthorexie (Orthorexia nervosa) gehört offiziell nicht zu den Essstörungen. Betroffene beschäftigen sich in übertriebenem Masse mit gesunder Ernährung und vermeiden zwanghaft 'ungesunde' Lebensmittel. Es wird auf eine strikte Einhaltung von Ernährungsregeln geachtet und eigene spezifische Essgewohnheiten entwickelt, die immer mehr Zeit in Anspruch nehmen. Diese restriktiven Essgewohnheiten erschweren Mahlzeiten in Gesellschaft oder in Restaurants, so dass sich Betroffene zunehmend von ihrem sozialen Umfeld distanzieren und auch andere wichtige Lebensbereiche nach und nach vernachlässigen. Betroffene sind von Schuldgefühlen geplagt, wenn sie von ihren Ernährungsregeln abweichen und haben Angst, dadurch zu erkranken. Das Einhalten der Ernährungsregeln wird als Erfolg erlebt und vermittelt Betroffenen ein Kontrollgefühl.

 

Ob Betroffene fachliche Unterstützung benötigen, hängt vom subjektiv empfundenen Leidensdruck und dem Ausmass an Einschränkungen der allgemeinen Lebensqualität ab. 

 

Folgeerscheinungen der Orthorexie

Orthorektisches Essverhalten kann die Entwicklung anderer Essstörungen begünstigen und durch eine einseitige Ernährung zu Mangelerscheinungen führen.