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Sechs Tage Vipassana-Schweige-Retreat im Meditationszentrum Beatenberg (CH)

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Sechs Tage schweigen, meditieren und gänzlich auf Kommunikationsmedien verzichten - um Himmels Willen warum tut ein normaler Mensch sich so etwas an? Ja, das kann man sich wirklich fragen und ich habe mir diese Frage während des Retreats auch mehrfach gestellt.

"Es gibt zwei Gründe, weshalb wir leiden. Entweder weil etwas nicht so ist, wie wir es uns gewünscht hätten, oder weil etwas genau so ist, wie wir es uns gewünscht haben und wir nun aber Angst haben, es wieder zu verlieren."

Wieso Vipassana?

Für die Meditation interessierte ich mich zwar schon seit Längerem, aber so richtig damit in Kontakt gekommen bin ich dann erstmals, als ich im Herbst 2015 den 8-Wochen-MBSR-Kurs (mindfulness based stress reduction) gemacht habe. Diesen Kurs kann ich sehr empfehlen, wenn Du gerne lernen möchtest, wie Du durch die Achtsamkeitspraxis besser mit Stress umgehen kannst (ich habe den Kurs bei www.mbsr-nordwest.ch gemacht, es gibt aber auch viele andere Kurszentren). Von Vipassana hatte ich immer wieder mal gehört oder gelesen, aber eine wirkliche Ahnung davon, was es konkret ist, hatte ich nicht. Als es sich Ende November ergab, dass ich mir ein paar Tage frei nehmen konnte, buchte ich ganz spontan diesen 6-Tages-Retreat auf dem Beatenberg in der Schweiz, von dem ich mir mehr Klarheit und innere Ruhe erhoffte.

 

Ich muss jedoch ehrlich zugeben, dass ich ziemlich grosse Angst vor dem Retreat hatte und ich extrem nervös war. Ich hatte Angst, dass ich mit dem Schweigen und meinem eigenen Gedankenkarussel nicht klar kommen und von negativen Gefühlen übermannt werden würde. Gleichzeitig wollte ich es unbedingt und war sehr neugierig und gespannt auf diese neue Erfahrung!

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Was ist Vipassana?

Vipassana bedeutet Einsichtsmeditation. Es geht dabei nicht darum, nichts zu Denken. Denken ist ein natürlicher Prozess des menschlichen Geistes, wie das Sehen der Augen. Es geht darum, die Wirklichkeit zu erkennen, so wie sie ist. Alles Erleben, jede Wahrnehmung, jedes Gefühl und jede Erfahrung - sei es äusserlich oder innerlich - ist vergänglich. Um die Wirklichkeit zu verstehen, ist das Denken notwendig. Viele Menschen wollen, dass der Geist weniger denkt oder sie sind der Ansicht, dass es nicht gut sei, wenn der Geist so viel denkt. Wer so denkt, reagiert auf sein eigenes Denken mit Ablehnung. Es ist jedoch nicht unsere Aufgabe, in den natürlichen Prozess des gegenwärtigen Geschehens einzugreifen, sondern zu ergründen und anzuerkennen, was im gegenwärtigen Moment geschieht, ohne es verändern oder bewerten zu wollen. 

 

 

"Fühl Dich nicht von Deinem denkenden Geist gestört. Du praktizierst nicht, um das Denken zu unterbinden; Du praktizierst, um das Denken zu verstehen und anzuerkennen, wo immer es sich zeigt." Sayadaw U Tejaniya

 

 

Wir medititieren nicht, um das Denken zu stoppen, sondern um das Denken zu erkennen. Wir wollen den Geist verstehen lernen. Der denkende Geist selbst ist nicht das Problem beim Meditieren, sondern, dass wir das Denken nicht mögen beim Meditieren. Vipassana ist keine Sammlungsmeditation, wie z.B. die Atemmeditation, wobei man sich nur auf den eigenen Atem konzentriert und aufkommende Gedanken zwar wahrnimmt, diese aber liebevoll weiterziehen lässt, um sich wieder auf den Atem zu konzentrieren. Das war mein grosses schockierendes AHA-Erlebnis! Denn ich kannte bisher nur die Atemmeditation, die ich zeitweise ziemlich gut beherrschte und die mich auch entspannt. Aber wie soll das bitte werden, wenn ich mich ständig auf meine - wirren - Gedanken konzentrieren soll? Dreht man da nicht früher oder später komplett durch?

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Rahmenbedingungen und Regeln des Retreats

Als Basis der spirituellen Praxis und um für alle Kursteilnehmenden einen sicheren und geschützten Rahmen zu gewährleisten, werden die Kursteilnehmenden während der Dauer des Retreats gebeten die folgenden fünf ethischen Verhaltensregeln einzuhalten:

 

  1. Respekt für alle Lebewesen, d.h. kein Lebewesen absichlich töten oder verletzen
  2. Den Besitz anderer achten, d.h. nichts nehmen, was einem nicht gehört
  3. Keine sexuellen Aktivitäten
  4. Die Wahrheit respektieren, d.h. nichts Unwahres sagen bzw. das Schweigen einhalten
  5. Kein Konsum von Alkohol oder Drogen

Ebenfalls wird darum gebeten, keine Parfums zu benutzen und keine durchsichtige oder allzu freizügige Kleidung zu tragen. Raucher werden gebeten, sich draussen ausser Sichtweite von anderen, ihrer Sucht nach zu gehen. Zudem werden die Teilnehmenden ersucht - zur Unterstützung der inneren und äusseren Stille während des Schweigekurses keine Bücher zu lesen und nicht zu schreiben, keine Telefongespräche zu führen und auch keine SMS, Facebok oder WhatsApp-Messages auszutauschen. Mobilgeräte wie Handys, Tablets und Ähnliches sollen sowohl innerhalb wie auch ausserhalb des Zentrums unter keinen Umständen benutzt werden. Kurzum es handelt sich beim Kurs um einen kommunikationsmedienfreien Schweigeretreat

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Meine Ankunft im Zentrum

Am Sonntag Abend traf ich im Meditationszentrum Beatenberg ein, nichts ahnend, was mich hier alles erwarten würde. Man stand in einer Reihe an, um sich anzumelden und in einer zweiten Reihe stand man an, um sein "Ämtli" in der Hauswirtschaft zugeteilt zu bekommen. Ich wurde kurzerhand zum Gemüse rüsten eingeteilt. Ja wird schon passen, dachte ich mir. Eigentlich gibt es im Zentrum keine Einzelzimmer, aber da ich bei der Buchung nach einem Einzelzimmer gefragt habe und der Kurs nicht ausgebucht war, bekam ich ein Einzelzimmer zugeteilt, worüber ich ehrlich gesagt ziemlich froh war. Wenn ich schon durchdrehen sollte, dann bitte ohne fremde Zuschauer. 

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Mein Zimmer im Dachstock - klein & einfach
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Ok ganz alleine wollte ich dann doch nicht sein - der Frosch musste mit :)
Aufgeregt & ängstlich am Tag der Ankunft ;)
Aufgeregt & ängstlich am Tag der Ankunft ;)

Ich bezog also mein Zimmer, gab mein Handy ab und ergatterte mir einen altmodischen Wecker, da ich Angst hatte, dass ich morgens um 6 Uhr den Gong nicht hören würde. Ich bin ein Mensch, der sich seit Jahren nur mit dem Handy weckt und das mit mehrfachem Schlummeralarm. Würde ich wirklich durch einen Gong erwachen ohne gleich wieder einzuschlafen? Aber ich hatte ja jetzt den Wecker.

 

Beim ersten Nachtessen durfte noch gesprochen werden, danach war dann aber fertig und das grosse Schweigen begann. Sprechen durfte man nur in den Gruppengesprächen, die aber nicht alle Tage stattgefunden hatten und notfalls beim Ausführen des "Ämtlis". Meine einzigen Worte sprach ich also im Rahmen der Gruppengespräche und maximal 1 Satz pro Tag mit der Köchin oder mit meinen Gemüserüstgefährtinnen. Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich mit dem Schweigen von Anfang an überhaupt keine Probleme hatte, was mich doch etwas erstaunte, da ich normalerweise ein sehr mitteilungsbedürftiger Mensch bin. 

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Bild des Buddhas im offenen Treppenhaus
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Das Enso (Kreis) ist ein Symbol des Zen-Buddhismus
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Ein Blick in die Meditationshalle
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Die Meditationshalle
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Tagesplan

Die Tage während des Vipassana Retreats sind stark strukturiert und es gibt sehr wenig Zeit für Pausen. Es gab Zeiten, wo ich mir etwas mehr oder längere Pausen gewünscht hätte, aber im Grossen und Ganzen tat mir die Tagesstruktur sehr gut und ich habe mich rasch daran gewöhnt. 

 

Ein üblicher Tagesplan sah etwa wie folgt aus:

6.00  Wecken                                                                                     
6.30 Sitzmediation in der Halle
7.15 Frühstück
8.15 Achtsames Arbeiten
9.15 Sitzmeditation mit Anleitungen
10.00 Selbständiges Praktizieren und Gruppengespräche
12.15 Mittagessen
14.15 Sitzmeditation mit Anleitungen
15.00 Selbständiges Praktizieren und Gruppengespräche
17.15 Abendessen
18.30 Sitzmeditation
19.00 Gehmeditation
19.15 Vortrag
20.00 Gehmeditation
20.30 Sitzmeditation und Widmung
21.00 Nachtruhe und selbständige Praxis
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Buddha Statue

Zurück in die Kindheit

Mit dem Beginn des Schweigens begann auch die Meditationspraxis. Die ersten Meditationen am ersten Abend waren für mich sehr eindrücklich und auch sehr anders als all die folgenden. Ich habe keine Ahnung weshalb, aber meine Erinnerungen gingen auf direktem Weg zurück in meine Kindheit und ich erinnerte mich an Dinge, von denen ich nicht wusste, dass ich mich überhaupt noch erinnern kann. Plötzlich führten meine Gedanken mich ins Haus meiner Grosseltern. Ich sah alles im Detail vor mir und zu meiner Überraschung erinnerte ich mich auch exakt an den unverwechselbaren Duft im inneren des Hauses - es war alles so klar, als wäre ich vor Ort gewesen. So ging das während der gesamten Meditation weiter und ich fühlte mich danach so richtig seelig und fand schnell in den Schlaf. So darf es von mir aus ruhig weitergehen - da war ich noch richtig optimistisch.

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Schneelandschaft auf dem Beatenberg

Der erste richtige Tag

Die Hoffnung, dass diese Tage auf irgendeine Art und Weise entspannend werden könnten, wurde mir am nächsten Tag definitiv genommen. Ich war elend müde, erschöpft und innert kürzester Zeit völlig in meiner eigenen Gedanken- und Gefühlswelt verloren. Aber was soll man denn auch erwarten, wenn man ohne jegliche Ablenkung pausenlos mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen konfrontiert wird? Ob Du es willst oder nicht, Du wirst gnadenlos mit Deinen tiefgreifenden Denk- und Verhaltensmuster konfrontiert und dies ohne Ende. Anfangs hast Du noch die Kraft, Dich dagegen zu wehren. Aber mein Tipp: Lass es besser sein. Es benötigt unglaublich viel Energie und früher oder später wirst Du diesen Kampf so oder so verlieren. Also stelle Dich besser gleich von Anfang an Deiner Innenwelt, sonst fehlt Dir später die Kraft dazu. 

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Schlaflosigkeit

Als ob dieser erste ganze Tag nicht schon genug anstrengend war, folgte eine beinahe schlaflose Nacht. Ich fand keinen Schlaf, welzte mich hin und her und meine Gedanken machten mich fast verrückt. Mir war bewusst, dass wenn ich jetzt anfange, mich darüber zu nerven, dass ich nicht schlafen kann, alles nur noch schlimmer wird. Also versuchte ich mich in Achtsamkeit. Und ich versuchte zu Meditieren. In der Tat beruhigte mich das etwas, aber einschlafen konnte ich trotzdem nicht. Also stand ich auf. Das ganze Haus war im Schlaf und alles war dunkel. Ich kam mir vor wie ein Geist, der durch das Haus wandelte und keine Ruhe fand. Schliesslich zog ich mir etwas über und begab mich nach draussen in die kalte Winternacht. Ich betrachtete den sternenklaren Nachthimmel. Was dann geschah, war wirklich spooky - zur Information: Ich bin weder gläubig noch sonst irgendwie durchgedreht ;)

 

Aber da stand ich nun unter diesem gewaltigen Sternenhimmel. Mein Herz war so schwer, weil es in meinem Leben eine Situation mit einem geliebten Menschen gab, die nicht so war, wie ich sie gerne gehabt hätte, worunter ich diese Tage sehr gelitten habe - was unter anderem auch ein Grund dafür war, mich für den Retreat überhaupt anzumelden.

 

Da ertönte plötzlich eine tiefe Männerstimme aus dem Nichts, die liebevoll zu mir sagte: "Warte nur... es kommt alles genau so, wie Du es Dir wünschst." Ich war für einen Moment sprachlos. Mir war natürlich klar, dass diese "Stimme" irgendwo aus meinem tiefsten Innern kam und da mein innerstes Urvertrauen zu mir sprach, aber ich stand wirklich plötzlich einfach da mit grossen Augen und einem dankbaren Lächeln im Gesicht und mir wurde ganz warm ums Herz - und das mitten in der Nacht bei Minustemperaturen :) Von da an wusste ich, dass die Dinge zwar in naher Zukunft vermutlich leider nicht so kommen würden, wie ich sie mir erhofft hatte, meine tiefsten Wünsche aber trotzdem in den nächsten Jahren in Erfüllung gehen werden.

 

Diese Stimme hat im Verlauf der Woche übrigens noch ein paar wenige Male "zu mir gesprochen". Ich vermute mal, dass man durch das ganze Schweigen und die Konzentration und Beschränkung auf das eigene Sein und die eigenen Gedanken und Gefühle, auch sehr sensibel wird und man vielleicht innere Stimmen zu hören bekommt, die sonst im Alltag völlig überschattet resp. übertönt werden. Nach diesem Erlebnis fand ich übrigens seelig in den Schlaf.

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Nachthimmel auf dem Brienzer Rothorn (2016)

Körperschmerzen

Vom ersten Abend an hatte ich durch die Sitzmeditation am Boden unglaubliche Schmerzen in den Knien. Die ersten 20-25 Minuten hielt ich es jeweils gut aus, aber danach fingen die Schmerzen an. Da eine Sitzmeditation immer 45 Minuten lang dauerte, war ich die Hälfte der Zeit also überwiegend mit meinen Knieschmerzen beschäftigt, statt mich auf die Meditation zu konzentrieren. Selbstverständlich kann man auch Schmerzen achtsam und meditativ wahrnehmen - ja das habe ich wirklich ganz intensiv geübt - aber irgendwann kommt der Punkt, wo man sich eine Veränderung gönnen sollte, indem man sich eben für die Meditation auf einen normalen Stuhl setzt! 

 

Aber da ging es dann eben los mit meinen Denkmustern und Glaubenssätzen, was mir aber erst nach einem weiteren schmerzvollen Tag bewusst wurde. Mein Ego wehrte sich mit Händen und Füssen dagegen, sich auf den Stuhl zu setzen und ich wurde innerlich non-stop mit ähnlichen Sätzen wie diesen bombardiert: "Richtige Sitzmeditation macht man doch am Boden und sicher nicht auf dem Stuhl", "der Stuhl ist doch nur was für Alte und Schwache, da gehöre ich doch nicht hin", "jetzt tue doch nicht so, es sind ja bloss Knieschmerzen, daran wirst Du nicht sterben", "Vielleicht hast Du einfach die richtige Sitzposition noch nicht gefunden", "Ich will das hier jetzt durchziehen, das muss einfach gehen". Ich wollte einfach mit dem Kopf durch die Wand.

 

Am dritten Tag musste ich mir dann in aller Ehre für meinen Durchhaltewillen und Ehrgeiz - was ja nicht per se schlechte Eigenschaften sind - eingestehen, dass es so einfach nicht geht. Und nachdem auch in den mündlichen Anleitungen durch die Kursleiter wiederholt betont wurde, dass die Meditation eine Geistesübung und keine körperliche Durchhalteübung sei, gewann die Weisheit in mir endlich den Kampf gegen das störrische Ego und ich setzte mich auf einen Stuhl!

 

Im Nachhinein muss ich über mich lachen, aber in dem Moment war es für mich wirklich keine einfache Angelegenheit. Und wie war es auf dem Stuhl? Genial! Aber zugegeben, auch nur anfangs. Denn nach der zweiten Meditation auf dem Stuhl bekam ich grausame Rückenschmerzen, da ich es nicht gewohnt war, wie eine Kerze mehrmals am Tag 45 Minuten am Stück ohne mich zu bewegen, auf einem Stuhl zu sitzen. Aber da mir bewusst war, dass dies "nur" Muskelschmerzen waren, die keine langfristige negativen Auswirkungen auf meinen Körper haben würden, zog ich diese den Knieschmerzen vor, denn was ich bestimmt nicht wollte, war es meine Kniegelenke kaputt zu machen.

 

Nach weiteren zwei Tagen wurde das mit den Rückenschmerzen aber auch besser, aber dann war der Kurs auch schon bald zu Ende. Daher meine Empfehlung an Dich, falls Du Dich für einen solchen Retreat entscheiden solltest. Schaue wirklich, dass Du für Dich einen bequemen Sitz findest, der Dir so wenig Schmerzen wie möglich bereitet. Dass jemand gar keine Schmerzen erleidet, wenn er das erste Mal so viel und so lange sitzend meditiert, ist sehr unwahrscheinlich, aber wenn irgendwie möglich, sollte man schauen, dass man die Schmerzen so gering wie möglich hält. Denn es geht im Retreat nicht um körperliche Schmerzbewältigung, sondern darum den eigenen Geist zu schulen und das alleine ist schon genug anstrengend. 

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Gehmeditation

Gerade auch wegen der körperlichen Schmerzen war ich sehr dankbar, dass der Vipassana Retreat auf dem Beatenberg eine Mischung aus Sitz- und Gehmeditation war. Und ab dem zweiten Tag gab es sowohl morgens wie auch nachmittags eine Zeitspanne, wo man in die Eigenpraxis ging, d.h. man konnte selbst wählen, ob man sitzend oder gehend meditieren wollte und die Meditationen waren dementsprechend auch nicht angeleitet. Dies empfand ich persönlich als sehr angenehm. Gerade in den Zeiten, wo die körperlichen Schmerzen bei mir sehr präsent waren, entschied ich mich häufig für die Gehmeditation.

 

Obwohl es draussen sehr kalt war, ging ich dazu meist nach draussen und stapfte im Schnee herum. Ich fühle mich draussen in der Natur einfach freier und ich mag es frische Luft einzuatmen. Zudem liebe ich es einfach, mich zu bewegen. Irgendwie sind dann auch meine Gedanken freier und ich fühle mich durch negative Gedanken nicht so bedroht. Das Knirschen des Schnees unter meinen Schuhen hatte zudem irgendwie eine beruhigende Wirkung auf mich. So hatte ich auch während der Gehmeditationen die bedeutungsvollsten Einsichten während dieser Tage und nicht etwa beim Sitzen.

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Gehmeditation im Schnee

Arbeitsmeditation

Jeden Morgen nach dem Frühstück musste ich mit drei anderen Teilnehmerinnen um 8.15 Uhr in der Küche stehen, um Gemüse zu rüsten. Bis dahin habe ich es eigentlich immer gehasst, Gemüse zu rüsten, weil mir zu Hause im Alltag irgendwie immer die Zeit (oder die Geduld?) dazu fehlte und ich es einfach eine mühselige Tätigkeit fand. Aber im Rahmen des Retreats fing ich tatsächlich an, das Gemüse rüsten und schneiden zu lieben! Was wieder einmal zeigt, dass wenn man eine Tätigkeit achtsam durchführt, man immer irgendetwas Gutes davon mitnehmen kann. Und tun muss man es ja so oder so. Also die investierte Zeit ist dieselbe. Entweder nerve ich mich ständig darüber, dass ich nicht schneller im Rüsten bin und ich eigentlich jetzt ja viel lieber was ganz anderes würde tun wollen oder ich konzentriere mich mit allen Sinnen auf das Gemüserüsten und entdecke dabei Dinge, die mir vorher noch nie im Leben aufgefallen sind.

 

Ich habe erstmals wirklich die Farben der unterschiedlichen Gemüsesorten wahrgenommen, die Konsistenz, die unterschiedlichen Formen, die unterschiedliche Dichte usw. Und darüber hinaus habe ich auch noch von einer Köchin gelernt, wie man RICHTIG Gemüse rüstet und dabei feststellen müssen, dass ich viel zu viel am Gemüse als Abfall eingestuft und immer fortgeworfen habe, was man aber offenbar problemlos essen kann (z.B. der Strunk des Broccolis). Für mich waren das immer sehr entspannte 45 Minuten Arbeitsmeditation und das zusätzlich Schöne daran war, dass ich beim Mittag- und Abendessen jeweils Essen auf dem Teller vorfand, von dem ich genau wusste, das ich es am Morgen selbst gerüstet hatte.

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Knusperhäuschen auf dem Beatenberg

Handyentzug

Tja, wie viele Menschen heutzutage würde ich mich - zumindest vor dem Retreat - als stark handysüchtig bezeichnen. Manchmal gibt es Tage, wo ich jede 5 Minuten mein Handy checke oder ewig am Handy hängen bleibe, obwohl ich ursprünglich nur ganz kurz was nachsehen wollte. Es kann auch passieren, dass ich am Ende gar nicht mehr weiss, was ich überhaupt nachsehen wollte ;)

 

Ich habe zwar auch zuvor schon zweimal mehrere Tage auf mein Handy verzichtet - einmal als ich Ostern 2015 in einem Kloster verbrachte und ein anderes mal während über einer Woche Jakobsweg im Frühling 2016 - habe jedoch anschliessend mit meinem Handykonsum genau gleich weitergemacht wie zuvor. Heisst im Grunde, das erste, was ich morgens nach dem Aufwachen machte, war es den Flugmodus im Handy rauszunehmen und sofort Whatsapp und alle sozialen Medien zu checken und abends mehr oder weniger mit dem Handy vor den Augen einzuschlafen. Dieses ständige am Handysein hat mich zunehmend angefangen zu nerven, aber gleichzeitig schaffte ich es auch nicht, etwas daran nachhaltig zu verändern.

 

Dann kam der Retreat. Ich stellte mein Handy bereits am Abend vor der Anreise komplett ab und nahm es (für den Notfall;) ) aber dennoch mit in den Retreat. Die ersten Tage war es sehr interessant zu beobachten, dass ich im Grunde mein Handy von Anfang an zwar nicht wirklich vermisste, jedoch bei jedem Pausenbeginn mein erster Gedanke zu meinem Handy ging. In meinem Gehirn ist die Verbindung "Pause = Handy zücken" so stark abgespeichert, dass mich dieses Phänomen während der ersten 4-5 Tage begleitete. Erst am Freitag, also am sechsten Tag meines Handyentzugs, bemerkte ich, dass ich nicht mehr bei jeder Pause ans Handy gedachte habe, sondern während des gesamten Tages vielleicht noch 2-3 Male. Aber dennoch ist das ja im Grunde ziemlich viel, nicht? Also mich hat das irgendwie schockiert und mir auch die Augen geöffnet und ich wusste, dass ich das zukünftig nicht mehr so möchte. 

 

Ich fühlte mich während des Retreats zunehmend richtig wohl ohne Handy, so dass ich am Samstag, am letzten Tag und Abreisetag das Handy gar nicht mehr anstellen wollte. Es ging aber sehr vielen so, so dass zuerst mal eine Person gefunden werden musste, die ihr Handy schon angestellt hatte, damit sie für die anderen den Zugfahrplan in der SBB App checken konnte, was eine ziemlich schräge Situation war. Normalerweise hätte man erwartet, dass alle nach einer Woche ihr Handy sofort wieder anstellen, alle in ihr Handy gucken, raufscrollen, runterscrollen und keiner mehr bemerkt, dass wir eigentlich eine Gruppe von 39 Menschen sind, die nach einer Woche endlich miteinander sprechen durften. Aber so war es nicht. Es wurde viel gesprochen, Erfahrungen ausgetauscht und miteinander gelacht. So sollte es doch auch im Alltag viel öfters der Fall sein. 

 

Direkt nach dem Retreat war es mir leider nicht möglich, meinen Handykonsum in eine gesunde Richtung zu lenken. Ich war sofort wieder im alten Trott. Aber seit ich mir ab dem 1.1.2018 im Zuge meiner Selbständigkeit eine neue Tagesstruktur angeeignet habe und nun freiwillig morgens um 6 Uhr aufstehe, klappt es auch mit dem reduzierten Handykonsum. Mit anderen Worten ich achte morgens darauf, dass ich mein Handy so lange wie möglich nicht einstelle. Das kann mal 9 Uhr sein aber auch gut mal 11 oder 12 Uhr, wenn ich einen Arbeitstag zu Hause habe und mich im Grunde niemand erreichen können muss. Das klappt bisher sehr gut und ich bin morgens dadurch auch viel produktiver beim Arbeiten (zudem gehe ich wenn möglich morgens vor 11 Uhr nicht auf Facebook, Instagram und auch nicht in meine Mailprogramme). Und wenn möglich schalte ich mein Handy abends auch zeitig wieder aus, damit ich zumindest die letzte Stunde vor dem Schlafengehen nicht mehr so "handyverseucht" bin ;) Und die Zeit dazwischen schaue ich einfach darauf, dass ich es nicht ständig in der Nähe habe und nicht dauernd daraufblicke, um zu schauen, ob was Neues drauf ist. Tonlos habe ich es bereits seit längerem. Kann ich auch nur jedem empfehlen, der sich das erlauben kann. 

Achtsames Essen

Als Ernährungspsychologin und ehemals Betroffene einer Essstörung beschäftige ich mich bereits seit längerem intensiv mit dem Thema des achtsamen Essens. Auch bin ich aktuell daran, einen Workshop zum Thema "achtsam Essen" auf die Beine zu stellen, da mir dieses Konzept sehr am Herzen liegt. Mehr über das achtsame-intuitive Essen schreibe ich vielleicht mal in einem anderen Blogbeitrag. 

 

UPDATE: Der erste Workshop zum achtsamen und intuitiven Essen findet am Sa 02.06.2018 statt. Infos dazu findest Du hier.

 

Was ich hier aber sehr gerne erwähnen möchte ist, dass Du spätestens in einem solchen Schweigeretreat auch ohne spezielle Anleitung dem achtsamen Essen begegnen wirst. Wenn Du jede Mahlzeit zwar mit über 40 anderen Menschen zusammen in einem Raum einnimmst, aber niemand davon ja nur ein Wort sprechen darf, dann ist das, wie wenn Du ganz alleine an einem Tisch sitzt. Du wirst Dich automatisch auf Deinen Teller und Dein Essen fokussieren, weil da nichts anderes ist. Klar, Du kannst andere Leute beim Essen beobachten, aber ganz ehrlich, so richtig ablenken tut Dich das auch nicht und Du starrst ja auch nicht 10 Minuten lang andere beim Essen an - hoffe ich zumindest ;) 

 

Ich habe es unglaublich genossen, die Mahlzeiten so achtsam einzunehmen und ich habe mich - oh Wunder - auch kein einziges Mal dabei überessen. Und das obwohl das Essen wirklich sehr sehr lecker war!

 

Für mich war das eine sehr entspannende Erfahrung, da ich auch heute oft noch Mühe habe, gerade unter vielen Leuten mich auf mein Essen zu konzentrieren und den Zeitpunkt nicht zu verpassen, wo mein Sättigungsgefühl langsam einsetzt. Und interessanterweise spürte ich während des ganzen Retreats auch kaum je emotionalen Hunger (d.h. "Hunger"/Gelüste, die aber keinen körperlichen Hunger zum Ursprung haben) oder die Lust dazwischen etwas zu Essen und ich tat es auch nicht, ausser ein paar wenige Male 1-2 Reiswaffeln, weil mein Magen dermassen knurrte und ich es bis zum Essen sonst kaum ausgehalten hätte. 

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Aussicht vom Beatenberg

Vegetarische Ernährung

Im Rahmen des Retreats gab es ja unter anderem die ethische Richtlinie, dass kein Lebewesen absichtlich getötet oder verletzt werden darf. Dies bedeutete natürlich auch eine vegetarische Küche.

 

Für mich war es zu gegebener Zeit nichts Neues auf Fleisch zu verzichten, da ich bereits Mitte Oktober 2017 versuchsweise aufgehört habe, Fleisch zu essen, nachdem ich das Buch "Peace food" gelesen habe. Ruediger Dahlke beschreibt in seinem Buch grob zusammengefasst, wie der Verzicht von Fleisch den Körper und die Seele heilen kann und umgekehrt, wie Fleischkonsum, den Körper und die Seele krankmachen kann. Ich habe mein Leben lang - zwar nicht viel - aber regelmässig Fleisch gegessen und mir dabei nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Klar, auch ich wusste, dass Tiere dabei leiden, aber irgendwie habe ich das wie vermutlich die meisten Fleischesser auch einfach ausgeblendet und damit argumentiert, dass ich Fleisch brauche wegen der Proteine und des Eisens. Und ja, Hähnchenfleisch schmeckte mir einfach auch sehr!

 

Während des Retreats kommt man dann aber eben auch in Kontakt mit Buddhas Lehrrede über die Herzensgüte ("Metta Sutta"), worin unter anderem beschrieben wird, dass alle Lebenwesen egal ob gross oder klein glücklich und froh sein mögen. Es gibt auch den Segensspruch aus dem Sanskrit "Lokah Samastah Sukhino Bhavantu", was so viel heisst, wie "mögen alle Menschen und Lebewesen auf dieser Welt glücklich und frei sein". Oft folgt dahinter noch der Satz: "Mögen alle meine Worte, Taten und Gedanken zu diesem Glück und zu dieser Freiheit beitragen."

 

Wenn man diese Haltung nun gerne einnehmen möchte und wenn irgendwie möglich habe ich mich seit dem Retreat dazu entschieden, diese Haltung einzunehmen, dann ist es mir schlichtweg gar nicht mehr möglich, Fleisch zu essen, weil ich dadurch ja dazu beitragen würde, dass Tiere eingesperrt werden, Leid erfahren und am Ende absichtlich getötet werden. Und dies obwohl ich mich auch anderweitig so ernähren kann, dass ich gesund bleibe? (Proteine und Eisen gibt's auch in anderen Lebensmitteln zu genüge). Zumindest passt das im Moment nicht mehr in meine Lebensphilosophie und ich fühle mich ohne Fleischkonsum nun irgendwie auch wohler in meiner Haut.

 

 

"Du willst andere glücklich machen, übe Dich in Güte und Mitgefühl. Du willst glücklich sein, übe Dich in Güte und Mitgefühl."

 

 

Die ethische Verhaltensregel kein Lebewesen absichtlich zu töten oder zu verletzen, führte aber auch zu lustigen Momenten während des Retreats. So wollte ich beispielsweise mal das stille Örtchen besuchen, wobei ich jedoch feststellen musste, dass gerade neben der Kloschüssel auf Augenhöhe eine Spinne ihr Unwesen trieb. Da ich nach wie vor eine Spinnenphobikerin bin, hab' ich die Toilette sofort wieder verlassen, da mir klar war, dass ich der Spinne ja nichts hätte antun dürfen, hätte sie es gewagt, mir näher zu kommen. Diese Situation bringt mich heute noch zum Lachen. So ein kleines Wesen und ich habe Angst davor.

 

Die zweite lustige Situation ergab sich in der Küche beim Gemüserüsten. Es gab an diesem Tag Palmkohl. Obwohl der Palmkohl bereits gewaschen war, waren die Blätter voller weisser Fliegen, die uns beim Schneiden der Blätter um die Köpfe sausten. Wir fragten noch die Köchin, ob wir die nicht zuerst nochmal waschen sollten? Sie meinte dann locker, dass sie die geschnittenen Blätter dann nochmals waschen würde. Soweit so gut. Erst ein paar Stunden danach kamen mir diese weissen Fliegen wieder in den Sinn und mir kam die Frage auf, wie um Himmels Willen soll man denn solche Tierchen am Leben lassen? Entweder man wäscht sie ab, sie sterben. Oder man kocht sie mit, sie sterben. Am letzten Tag stellte sich tatsächlich heraus, dass sich diese Frage und ähnliche Fragen noch andere gestellt hatten und es brach ein grosses Gelächter aus, dass wir uns sogar mit dem Leben von weissen Fliegen beschäftigt hatten. Man hat ja in der Zeit sonst nichts zu tun ;)

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Schneelandschaft auf dem Beatenberg

Vorträge

Jeden Abend um 19.15 Uhr gab es einen Vortrag. Für mich war es immer das Highlight des Tages! Durch die ständige Meditationspraxis und das Schweigen ist der Geist sehr klar und aufnahmefähig. Ich bin ansonsten jemand, der bei Vorträgen sehr rasch müde wird und gedanklich schnell abdriftet. Aber während des Retreats war ich extrem aufnahmefähig und habe die Worte aufgesogen wie ein Schwamm. Daher habe ich diese Zeiten sehr genossen, habe viel Inspiration mitnehmen dürfen und habe mir auch viel Notizen gemacht - während der Vorträge war Schreiben erlaubt ;)

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Buddha Statue - die ich von meiner Meditationsmatte aus immer im Blickfeld hatte

Der schlimmste Tag

Kannst Du Dich erinnern, wie ich mich anfangs gefragt habe, ob man nicht irgendwann durchdrehen würde, wenn man pausenlos mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen konfrontiert wird und sich dabei weder ablenken oder mit jemandem darüber sprechen kann?

 

Am vierten bzw. fünften Tag, dem Donnerstag, war es dann soweit und ich war kurz davor durchzudrehen und zwar komplett! Ich hielt es einfach nicht mehr aus in mir drinnen. Dieses ständige Gedankenkarussel, dieses ständige Geplapper von meinem Geist, dieses schreckliche auf und ab von Emotionen. Und im Aussen nur schweigende, in sich gekehrte - von aussen depressiv wirkende - Menschen um mich herum. Ich drehe durch, ich will hier raus! Das tat ich dann auch. Ich ging nach dem Mittagessen spazieren im gröbsten Schneegestöber. War mir aber alles egal. Hauptsache raus, frische Luft, weg vom Areal, "normalen" Menschen begegnen (die man übrigens grüssen durfte bzw. sogar sollte ;) ).

 

Was kurzfristig gut tat, war am Nachmittag mit dem Beginn erneuter Meditationspraxis leider bereits wieder verschwunden. Der Donnerstagnachmittag entpuppte sich als die schlimmste Zeit, die ich während des Retreats erlebte. Ich wurde plötzlich mit meinen grössten Ängsten konfrontiert und fühlte mich gezwungen, mich ihnen zu stellen. Die ganzen Tage zuvor hatte ich mich dagegen gewehrt, hatte mir einiges in meinem Leben schön geredet und mir auch einiges vorgemacht. Aber an diesem Nachmittag war die Kraft der Abwehr aufgebraucht. Ich hatte "die Schlacht" verloren und ergab mich. Eine andere Option gab es gar nicht mehr. Die Gefühle waren so stark, so präsent und so beständig, dass ich nicht mehr davonrennen konnte. Ich hatte keine Chance mehr. Es flossen viele Tränen und ich hatte echt ne scheiss Zeit, wenn ich das mal so nennen darf. Ich hätte jederzeit um ein Einzelgespräch bitten dürfen, das kam für mich aber überhaupt nicht in Frage. Für mich war es sehr wichtig, dass ich alleine durch diese Zeit hindurch ging und im Nachhinein kann ich sagen, dass es das einzig Richtige war. Um mit den Emotionen einigermassen klar zu kommen, wandte ich die EFT-Technik an (emotional freedom technique, auch "Klopftechnik" genannt). 

 

 

"Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit." 

Viktor Frankl

 

 

Auch wurde mir an diesem Nachmittag sehr bewusst, wie hart ich selbst mit mir umging und entschied mich dann auch am selben Abend noch dazu, die Regeln des Retreats für mich zu ändern und mich nicht weiterhin mit der für mich sehr schwierigen und anspruchsvollen Vipassana-Meditation zu quälen, sondern stattdessen einfach Atem-Meditationen durchzuführen. Und Du glaubst es nicht, wie sehr mich das an diesem Abend entspannte. Ich kam richtig zur Ruhe und die Welt sah schon wieder viel besser aus als am Nachmittag. Und wie ich dann nach dem Retreat von anderen erfahren durfte, war ich mit meinen Problemen überhaupt nicht alleine. Es gab bei vielen Momente, wo sie sich überlegten, alles hinzuschmeissen und abzubrechen, weil sie es einfach kaum aushielten. Aber bis auf eine Person  hielten es alle bis zum Samstag durch. 

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"Huddelwetter" vom Donnerstag - passend zu meiner Stimmung!

Kulturschock

Sechs Tage ohne Nachrichten, ohne Fernsehen, ohne Zeitung, ohne Handy, ohne Facebook, ohne Telefongespräche. Sechs Tage zusammen mit über vierzig anderen Menschen, die äusserst achtsam, respektvoll und freundlich miteinander umgegangen sind. Im Grunde waren diese sechs Tage da oben auf dem Beatenberg das Paradies auf Erden. Die einzigen Probleme oder Schwierigkeiten, die man während des Retreats hatte, waren selbst gemacht. Wir mussten uns um nichts kümmern. Wir hatten immer Essen und Trinken und waren rundum versorgt. Einkaufen gehen musste man ja auch nicht, wäre auch schwierig gewesen, da es weit und breit keine Läden gibt. 

 

Alles war friedlich und in Stille

 

Wir wurden zwar darauf vorbereitet, dass wir aufpassen sollen, wenn wir nun wieder "in die Welt" nach draussen gehen, dass wir uns bewusst seien, dass da draussen vielleicht nicht alle so liebevoll und achtsam mit uns umgehen, wie wir es nun vom Retreat gewöhnt sind und dass die Leute da draussen nun auch nicht gerade einen Schweigeretreat hinter sich hätten und nicht so ruhig und gelassen sind, wie wir es nun waren. 

 

Zunächst im Bus nach Interlaken und dann mit dem Zug bis nach Bern war das auch überhaupt kein Problem. Alles lief gut und ziemlich friedlich. Aber dann machte ich den "Fehler", dass ich in Bern einen Zwischenstopp einlegte, um meiner Nachbarin, die auf meine Wohnung aufpasste, ein kleines Dankesgeschenk zu kaufen. Diese schreckliche Hektik an diesem Samstagnachmittag im Berner Bahnhof war dann mein persönlicher KULTURSCHOCK. Alle in Eile, alle im Stress, man wird angerempelt. Und so viele Menschen. Und es war so laut. Ich war komplett überfordert. Ich versuchte das alles auszublenden und konzentrierte mich auf das, was ich besorgen wollte und flüchtete dann für ein Weilchen auf die Toilette :) Da hatte ich endlich wieder meine Ruhe.

 

Die gesamte Heimreise bis ich dann wirklich zu Hause in Allschwil angekommen bin, war ein einziges Desaster. Irgendwie sorgte diese Aussenwelt, die ich ja zwar von vorhin kannte, dafür, dass mein Geist irgendwie total durchdrehte. Ich wollte plötzlich gar nicht mehr hier in unseren Breitengraden leben, sondern wollte was Gutes für die Welt tun und sah mich schon irgendwo in einem Hilfsprojekt in einem Entwicklungsland. Andererseits lechzte mein Herz nach Ruhe und Stille und ich sah mich ganz alleine irgendwo als Austeigerin in einem einsamen Haus weit weg von der Zivilisation. Die Gedanken gingen hin und her. Und ich fühlte mich irgendwie auch plötzlich so wertlos auf dieser Welt. Man muss doch etwas tun, Menschen helfen, sich einsetzen, irgendetwas bewirken, etwas an die Nachwelt weitergeben. Es überkam mich ein total schlechtes Gewissen, was wir hier eigentlich alles haben. Wir haben alles, was es für ein glückliches Leben braucht und doch sind wir ständig am jammern. Der Job ist nicht der Richtige, der Partner nervt, die Kinder sind anstrengend, wir haben Kopfschmerzen, wir sind gestresst, der Chef ist ein Idiot, wir haben kein Geld für Urlaub, wir sind ständig müde, wir sind erschöpft und sowieso ist alles doof. Dabei vergessen wir, dass wir alle immer genug zu Essen haben. Wir haben fliessendes Wasser. Wir haben Strom. Wir haben ein Dach über dem Kopf und wenn Du diesen Blogartikel lesen kannst, gehe ich davon aus, dass Du entweder einen PC oder ein Handy o.ä. besitzt. Wenn wir krank sind oder einen Unfall haben, können wir zum Arzt oder ins Spital gehen und werden wieder gesund gemacht oder zusammengeflickt. Im Grund fehlt es uns an überhaupt nichts. Und wir sollten alle endlich einfach mal aufhören zu jammern und anfangen, dankbar und zufrieden zu sein mit dem Leben, das wir geschenkt bekommen haben!

 

 

"Pain is inevitable. Suffering is optional."

Haruki Murakami

 

 

So gesehen hat dieser Kulturschock mir einiges gezeigt und ich habe seitdem auch Vieles in meinem Leben und in meinem Denken verändert. Ich versuche stets das Gute in allem zu sehen und führe ein Dankbarkeitstagebuch. Und auch wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt, wo ich diese Zeilen schreibe, definitiv nicht alles habe, was ich mir für mein Leben wünsche, bin ich dankbar für alles, was ich habe und bin auch bereits dankbar für alles, was in der Zukunft noch in mein Leben treten wird. Und ich muss sagen, so lebt es sich bereits ein ganzes Stückchen leichter und glücklicher!

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Abendrot über der Bergkette (rechts der Niesen)

Meine wichtigsten Erkenntnisse

Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse von diesem sechstägigen Schweigemeditationsretreat war es festzustellen, dass ich mit allen Erfahrungen, Gefühlen, Gedanken und Empfindungen - auch wenn sie noch so negativ sind - alleine klar komme ohne mit jemandem darüber sprechen zu müssen. Für mich ist dies insofern bedeutungsvoll, da ich früher sehr stark im Aussen orientiert war. Ich habe mich stets an den Meinungen und an den Ratschlägen anderer orientiert und habe mir auch oft gewünscht, dass andere für mich wichtige Entscheidungen treffen mögen, weil ich mir über meine eigene Meinung einfach kaum bewusst war oder ihr nicht vertraut habe. Seit ich mich seit einigen Jahren mit mir selbst auseinandersetze, hat dieses starke Bedürfnis andere Menschen um Rat zu fragen, stark abgenommen und es kommt heute sehr häufig vor, dass ich gewisse Dinge gar nicht erst erzählen "muss" oder es nicht mal möchte, weil ich für mich sowieso schon weiss, wo mein Weg hingeht und ich kein "Ok" von aussen mehr benötige. Dieses Vertrauen zu sich selbst zu finden, ist ein wahres Geschenk.

 

Ursprünglich haben wir dieses Vertrauen alle in uns selbst, verlieren es aber im Laufe unserer Kindheit und Jugend, da wir uns gezwungenermassen sehr stark im Aussen orientieren und uns sagen lassen, was gut und was schlecht für uns sei. Mir persönlich hilft Stille, Natur und Meditation extrem dabei, dieses Urvertrauen in mir wieder zu finden. Herauszufinden, wer ich wirklich bin und was ich wirklich will. Und nicht, was von der Umwelt von mir vielleicht erwartet wird. Dies sind meistens zwei verschiedene paar Schuhe. Dass ich nun den Weg weit weg von der "Sicherheit" einer Festanstellung gewählt habe zugunsten einer beruflichen Selbständigkeit als Fotografin und Psychologin, die zwangsweise viele (finanzielle) Unsicherheiten mit sich bringt, war beispielsweise ganz bestimmt ursprünglich nie der Wunsch meiner Eltern ;)

 

 

"Alles kommt und geht, das Schlechte wie auch das Gute. Nichts bleibt da, kein Gedanke, kein Gefühl, keine Empfindung und keine Erfahrung bleibt für immer da."

 

 

Eine nicht weniger wichtige Erkenntnis für mich war, dass alle Erfahrungen, Gedanken und Gefühle vergänglich sind. Jede Erfahrung, jeder Gedanke und jedes Gefühl kommt und ja wenn es sich um negative Erfahrungen geht, ist das wirklich nicht gerade angenehm. Aber zu wissen, dass diese Gefühle rein naturgemäss wieder weiterziehen werden - ausser wir halten aktiv daran fest - finde ich irgendwie sehr beruhigend. Leider bedeutet dieses Naturgesetz natürlich auch, dass positive Erfahrungen und Gefühle irgendwann auch wieder von ihrem Höhenflug runter kommen, so wie wir das bestimmt alle vom Gefühl des Verliebtseins kennen, das bei niemandem ewig anhält. 

 

 

"This too shall pass."

 

 

Leben bedeutet Veränderung und nichts bleibt eben wies ist. Wenn's uns schlecht geht, sind wir froh darüber, zu wissen, dass am Ende des Tunnels wieder Licht sein wird. Wenn's uns aber gut geht, wollen wir für immer auf der Glückswelle reiten und es soll sich bloss nie mehr etwas verändern. 

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Erschöpft aber zufrieden nach sechs Tagen Vipassana

Meine Empfehlung

Du fragst Dich jetzt vielleicht, ob ich den Retreat nach all diesen negativen aber auch positiven Erfahrungen nochmals machen würde? Meine Antwort dazu lautet grundsätzlich JA.

 

Was ich aber anders machen würde, wäre einen etwas anderen Zeitpunkt zu wählen. Ich ging zu einem Zeitpunkt in den Retreat, in dem ich aufgrund einer Beziehungsthematik emotional sehr angeschlagen, nachdenklich und häufig auch sehr traurig war. Ich denke, dass dies keine optimalen Bedingungen für den Retreat waren. Ob es optimale Bedingungen überhaupt gibt, sei natürlich dahingestellt. Aber ich würde Dir einfach empfehlen, einen Zeitpunkt zu wählen, indem in Deinem Leben mehr oder weniger alles in geregelten Bahnen verläuft oder Du Dich zumindest einigermassen stabil fühlst. Der Retreat ist beispielsweise wegen des sehr begrenzten sozialen Austauschs ja auch nicht gut geeignet für Menschen mit psychiatrischer Vorgeschichte. 

 

Ein solcher Retreat geht nun mal ans Eingemachte und es bedarf schon einiges an innerer Stärke, ihn dann auch durchzustehen und nicht abzubrechen. Wenn man es aber durchgestanden hat, kann man mächtig stolz auf sich sein und man erfährt, was es wirklich heisst "bei sich zu sein". Mit anderen Worten spätestens in einem solchen Retreat wirst Du Dich selbst eingehend kennenlernen, sofern Du es nicht bereits vorher schon getan hast.

 

 

"Der wichtigste Mensch ist immer der, der vor mir steht. Der wichtigste Moment ist immer der Jetzige und die richtige Handlung ist immer die Liebe."

 

 

Falls Du noch Fragen an mich hast, darfst Du gerne einen Kommentar da lassen oder mich auch persönlich anschreiben. Falls Du Dich für einen solchen oder einen ähnlichen Retreat interessierst, findest Du auf der Webseite des Meditationszentrum Beatenberg alle wichtigen Infos dazu. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Holger B. (Sonntag, 28 Januar 2018 20:37)

    wow...
    ich bin beeindruckt von dem ausführlichen Blogbeitrag.
    Ganz interessant bzw. überraschend ist für mich immer wieder, dass man an ganz vielen Punkten das Gefühl hat, sein eigenes Ich zu erkennen.

  • #2

    Mica (Dienstag, 30 Januar 2018 12:06)

    Wow, herzlichen dank für den sehr ausführlichen interessanten Beitrag über den Vipassana-Schweigeretreat! Durch diesen habe ich ein wenig mehr darüber erfahren und eines Tages würde mich dies auch sehr reizen. Danke! Liebe Grüsse aus Zürich